Der Pate al Pomodoro

Geschrieben am Freitag, 7. September 2007 von HHM

Kategorie: Allgemein

In den USA ging die Mafiaserie “The Sopranos” nach acht Jahren und 86 Folgen zu Ende - ihre Obsession für italoamerikanisches Essen in spektakulären Mengen aber lebt auf DVD und bei Millionen Fans weiter.

Rezept: Ziti al forno, Soprano-Style »

Die italienische Stadt Avellino zählt nicht gerade zu den bevorzugten Reisezielen der Touristen. Wer von Neapel weiter nach Süden will, kommt vielleicht hier vorbei, meistens halten sich die Menschen aber an die Küstenstraße und lassen das Landesinnere von Kampanien links liegen. Dabei ist Avellino die Heimat einer der berühmtesten Familien der Welt: Die Sopranos stammen von hier. Die Sopranos existieren zwar nur in der Parallelwelt der amerikanischen Fernsehserien, für viele Menschen sind sie aber in den letzten Jahren zu einem regelmäßigen Umgang geworden.

Seit 1999 die erste Folge bei dem Bezahlsender HBO ausgestrahlt wurde, hat sich rund um den verunsicherten Mafiapaten Tony Soprano und seine komplizierten privaten und geschäftlichen Verbindungen eine weltweite Fangemeinde geschart, die Jahr für Jahr ungeduldig eine neue Staffel herbeigesehnt, und nun vor wenigen Wochen mit geradezu kultischer Spannung auf das Finale Grande gewartet hat. Seit 10. Juni dieses Jahres, als in den USA die 86. und letzte Folge zu sehen war, sind die Sopranos wohl Geschichte (einen Film, wie bei den Simpsons, kann man natürlich nie ausschließen). Die Fans müssen sich nun mit den DVDs bescheiden, sie haben aber noch eine andere Möglichkeit, sich für den Verlust schadlos zu halten: Sie können essen. Denn das ist es, was auch die Sopranos und ihre Spießgesellen die meiste Zeit tun, wenn sie nicht gerade irgendjemanden um die Ecke bringen oder in ihrem Stripklub Bada Bing auf wippende Silikonbrüste starren. Die Sopranos sind Mafiosi mit vielen Problemen, und was mit der Waffe nicht zu lösen ist, das wird bei Tisch besprochen. Nicht selten sind diese Mahlzeiten ähnlich lebensgefährlich wie eine Begegnung mit Paulie Gualtieri, einem der Handlanger des großen Bosses Anthony “Tone” Soprano.

Nicht einfach “italienisch”

Weil das Essen eine so enorme Rolle spielt, hat die Industrie längst begriffen, dass sich daraus zusätzliche Einnahmequellen erschließen lassen: Es gibt inzwischen eine eigene kulinarische Folklore zu den Sopranos, es gibt Menschen, die in ihren Blogs berichten, wie sie die ganze Ernährung entsprechend umgestellt haben, und es gibt Abendgesellschaften, bei denen nachgekocht und serviert wird, was in New Jersey auf den Tisch kommt, wenn Carmela Soprano oder eine ihrer Freundinnen einladen. Die Stadt Avellino ist dabei der heimliche Bezugspunkt, denn die Sopranos essen nicht einfach “italienisch”, sie sind Anhänger einer Regionalküche, die sich von der “cucina” des Nordens deutlich unterscheidet. Das Gericht, das in der Mythologie der Serie vielleicht am wichtigsten ist, sind “Baked Ziti”, überbackene Nudeln mit Fleischbällchen (siehe Rezept), die in der Auflaufform gereicht werden und deswegen gut zu transportieren sind. Die Baked Ziti sind klassisches “comfort food”, sie trösten mit ihren Weichteilen über die Härten des Lebens hinweg.

Dabei gibt es viele unterschiedliche Versionen, die Baked Ziti haben immer eine deutliche persönliche Handschrift, was sich nirgends deutlicher äußerst als im Fall von Bobby Bacala, einem gutmütigen Nebenmafioso, der es nach dem Tod seiner Frau nicht verwinden kann, ihre letzten Ziti aufzuessen. Sie bleiben über ein Jahr im Kühlschrank, ein Nachlass der besonderen Sorte, wie er typisch ist für das obsessive orale System der Sopranos. Janice wiederum, die nervige Schwester von Tony Soprano, möchte den Witwer Bobby Bacala unbedingt wieder mit dem anderen Geschlecht versöhnen, und empfiehlt sich als potentielle Ehe- und Hausfrau, indem sie ihrerseits mit einer Portion Ziti auftaucht - die offensive Verwendung von Basilikum verrät dabei allerdings die Handschrift von Carmela Soprano, aus deren Kühlschrank die entsprechende Portion wohl entwendet wurde.

Carmela (Edie Falco) ist die “First Lady” der Serie. Sie wird von ihrem Ehemann laufend betrogen, sorgt aber jedes Jahr aufs Neue dafür, dass zu Thanksgiving zwar ein traditioneller amerikanischer Truthahn serviert wird, dazu aber jede Menge “Antipast’”. Die sprachliche Färbung der italienischen Worte trägt nicht wenig zum Vergnügen an der Serie in der Originalfassung bei. So bedarf es schon einer gewissen linguistischen Flexibilität, um hinter dem häufig verwendeten Begriff “Gabagool” das Wort “Capicolli” zu erahnen.

Typische Amerikaner

Das ist jener Schinken, den Tony Soprano (mit unnachahmlichem Variantenreichtum gespielt von dem massigen James Gandolfini) bevorzugt mit bloßen Fingern direkt aus dem Kühlschrank isst. Seine Neurose wird in der Serie direkt mit Fleisch in Zusammenhang gebracht: Wie sich im Verlauf seiner Analyse bei der Therapeutin Jennifer Melfi (Lorraine Bracco) herausstellt, rühren die Ängste des mächtigen Paten unter anderem von einer Szene in seiner Kindheit her, in der die Eltern ihn immer wieder zum Fleischhauer schickten, von wo er mächtige, blutige Bratenstücke nach Hause brachte. Seither fällt Tony Soprano gelegentlich in Ohnmacht, wenn er sich beim Barbecue als Mann beweisen soll, und in einer besonders beziehungsreichen Szene schlägt ihn eine seiner Geliebten aus Wut über eine Verspätung mit einem Steak.

Das ideale Sopranos-Menü aus Antipasti und Baked Ziti wird komplettiert durch Sfogliatelle, eine Teigware, in die jede Menge Schweineschmalz (”strutto”) und Ricotta (sopranisch: “rigott’”) gehören. Die Bedeutung der Sfogliatelle ermisst sich auch daran, dass beim Bäcker gelegentlich jemand zu Tode kommt, wenn die Ware nicht sofort über die Theke gereicht wird. Gerade weil die Sopranos so typische Amerikaner sind (das Haus in New Jersey wäre ein eigenes Thema für Innenausstatter und Designexperten), halten sie mit Ingrimm an ihrer italienischen Überlieferung fest. Artie Bucco, der das wichtigste Restaurant in der Serie führt, preist seinen Kundinnen hartnäckig den “importierten” Mozzarella (”Moozarell’”) an, den sie mit großer Ehrfrucht verspeisen, auch wenn sie sich die Bemerkung nicht verkneifen, dass sie keinen Unterschied schmecken. Der einzige Trip nach Italien, den Tony Soprano unternimmt, steht dann allerdings zu sehr im Zeichen der Geschäfte, als dass es zu einem kulinarischen oder biografischen Erweckungserlebnis käme. Avellino ist eine Stadt, und Kampanien ist eine Region, die erst in amerikanischer Perspektive zu einem gelobten Land des Essens werden.

Quelle: Bert Rebhandl/Der Standard/rondo

Kauftipp: The Sopranos Family Cookbook »

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